Drucken

In Wangen werden Fußballmärchen wahr

WANGEN - Manchmal werden Märchen wahr. Im Allgäu ist das geschehen. Wangen hat eine nie da gewesene weltweite Medienpräsenz erfahren, weil es WM-Quartier gewesen ist. Seither sind alle in der Stadt von Kopf bis Fuß auf Togo eingestellt. Die nächsten Fußballwunder warten schon.

Von Sylvio J. Godon

Die Stadt ist wie ausgewechselt, die Zeitrechnung neu: Es gibt eine vor dem WM-Quartier und eine danach. Wangen, die Beschauliche, die Putzige, die Wertkonservative im Allgäu - das war. Wangen, die Weltoffene, die Selbstbefreite, Lockere, die heimliche WM-Hauptstadt - das ist.

Sechs Wochen lang haben 200 Journalisten es hinaus posaunt in alle Welt, nur weil Wangen die erste Stadt in der Bundesrepublik gewesen ist, in der ein WM-Team eintraf - das aus Togo. Jetzt kennt auch der Fernsehgucker in Südkorea die Botschaft: In Wangen wohnen nicht nur WM-Gegner, die schwer vom Dach des Finanzamtes beim Training zu filmen sind. Dort werden auch Fußballmärchen wahr.

Die Werbewirkung ist groß

Das vielleicht größte unter ihnen ist die ungeheuere Medienpräsenz, die Wangen von heute auf morgen erfahren hat. Togo, Altstadt, Oberbürgermeister, Quartier, auf allen Kanälen, in allen Zeitungen, Boulevardblättern, Magazinen: kostenloses Stadtmarketing ohne Ende. Wirtschaftsbeauftragter Holger Sonntag jubelte. Dietmar Schiele, Vorsitzender der Leistungsgemeinschaft Handel und Gewerbe, ist happy. Der Einzelhandel hat mit dem WM-Rummel zwar nicht mehr Geschäft gemacht. "Doch", glaubt Schiele "die enorme Präsenz in den Medien ist sehr positiv und hat für Wangen langfristig eine große Werbewirkung."

Ein schönes Märchen, das Realität geworden ist: Völkerverständigung auf lokaler Ebene und eine völlig neue Grundgestimmheit des Allgäuers. Seit der schwarzafrikanische Fußballfunke übergesprungen ist, hat er ein Flächenfeuer in den Herzen der Einheimischen entfacht. Es brennt für weltumfassenden Fußballsport, nicht nur für den lokalen, und setzt sich gegen Unterschiede in der Hautfarbe selbstbewusst zur Wehr.

3000 Menschen kamen zur Begrüßung der Togolesen auf den Marktplatz, 8500 Fans zum Spiel Togo - FC Wangen ins Allgäustadion, wo WFV-Präsident Herbert Rösch sagte: "Ich bin beeindruckt von der Heißblütigkeit der ansonsten sehr traditionsbewussten Allgäuer Bevölkerung."

Selbst im Nichtfußballerleben geschah Märchenhaftes. Ganz spontan gründeten Bürger das Projekt "Wangen hilft Togo", das kranken Kindern zur Seite steht. Nationalspieler begegneten Menschen wie Du und ich beim Spazieren oder in der Kneipe. In Straßen und Wohnvierteln flattern noch immer Togofahnen gleichrangig neben deutschen. Die Geschäfte dekorierten in Togos Nationalfarben und organisierten eine Mini-WM für Jugendliche. Frauen gehen weiterhin zu WM-Partys, ganz in schicke Togofahnen gehüllt. Schulkinder beschäftigen sich auch außerhalb des Lehrplans mit Togo und Afrika. Fremdenfeindliche Zwischenfälle hat es nicht gegeben.

Kurz vor der Abfahrt der Westafrikaner an diesem Wochenende sind in Wangen alle von Kopf bis Fuß auf Togo eingestellt. Ein bisschen Wehmut schleicht sich ein. Viele hatten der Mannschaft die Daumen für die Vorrunde gedrückt. Das Theater um Trainerrücktritt, nicht gezahlte Antrittsgelder, in einer Wangener Bank deponierte Koffer und das total abgeschirmte Quartier im Hotel Waltersbühl blieb da eher zweitrangig. Zumal die Togolesen ihr Geld, das sie am Ende doch bekamen, mit vollen Händen in Wangens Innenstadt ausgaben.

Fußballpartnerschaft soll es geben

"Dass wir das alles geschafft haben, ist für uns wie ein in Erfüllung gegangenes Märchen", resümiert der Präsident des Wangener Fußballclubs (FCW). Mit "das" meint er, Wangen zum WM-Quartier gemacht zu haben und mit "wir" Oberbürgermeister Michael Lang, den DFB-Afrika-Beauftragten und den FC-Ehrenpräsidenten Hermann Selbherr, die Togo ins Allgäu geholt haben. Lang hatte mit seinem Engagement für Togo "WM-Gefühl in die Stadt bringen" und das "Wir-Gefühl" stärken wollen. Genau das ist ihm auch gelungen. Dem FC hat das Togospiel überdies die Kassen gefüllt und den Etat für die nächste Saison vorzeitig abgesichert.

Die nächsten Fußballmärchen warten schon. Denn Weber kennt Pawinam Betema. Der ist Liaison Officer der FIFA für Togo und Talentefinder. Beide haben eine Abmachung getroffen. Wenn Weber es schafft, vier togoischen Jugendlichen einen Ausbildungsplatz in Wangen zu vermitteln, schickt Batema sie im Herbst 2006 ins Allgäu, unter ihnen ein "großes Fußballtalent", das beim FC spielen und sich so in Europa seine ersten Fußballersporen verdienen könnte. Weber voller Vorfreude: "Der Mann wäre eine Rakete für unseren Club". Zwei Azubistellen hat der FC-Präsident schon, an den anderen beiden ist er dran. Weber schwebt eine "Fußballpartnerschaft" mit Togo vor und, wenn die klappt, "vielleicht ein gemeinsamer Besuch der WM 2010 in Südafrika". Aber das ist ein Märchen, das noch seiner Erfüllung harrt.