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WANGEN - Die Klimaveränderung bedroht den Wald im Kreisgebiet. Das Forstamt möchte ihn mit einer Weißtannenoffensive retten und sicherstellen, dass er noch in 100 Jahren Erträge abwirft. Waldbesitzer, Förster, Jäger und Experten wollen sich beim 2. Weißtannentag über das Prozedere einig werden.

Von Sylvio J. Godon

Flächendeckender Laubwald? Das war einmal. Amsterdam wurde auf Holz aus Oberschwaben und dem Allgäu gebaut. Der hiesige Wald ist im Mittelalter aber auch zu Zwecken der Landwirtschaft und des Schiffbaus dramatisch übernutzt worden. Die Folge: Die Böden verarmten extrem, die Fichte als Pionierbaumart stieg zum „Brotbaum“ schlechthin auf. Heute hat die Fichte daher insbesondere im württembergischen Allgäu einen hohen Bestand. Auf „70 bis 80 Prozent am Gesamtwald“ schätzt ihn Gerhard Schnitzler, Sachgebietsleiter Allgäu-Süd beim Forstamt Leutkirch. Die restlichen 20 bis 30 Prozent setzen sich zusammen aus Buchen, Eichen, Ahorn und Weißtannen. „Nun ist auch die Fichte in Gefahr, auf Dauer werden wir mit ihr nicht glücklich“, sagt Schnitzler. Die Fakten der Klimaveränderung sein nicht mehr wegzudiskutieren. In fünfzig bis 100 Jahren werde es in der Großregion Oberschwaben-Allgäu im Jahresdurchschnitt um drei bis sechs Grad wärmer sein. Die Baumart Fichte werde sich in der Folge auf Höhen über 1000 Meter zurückziehen. Einen Vorboten dieser langfristigen Entwicklung hätten Waldbesitzer im Raum Niederwangen-Neuravensburg-Achberg nach dem trockenen Sommer 2003 wahrnehmen können. Damals seien in diesem Gebiet 50 Prozent der Fichtenalthölzer bedingt durch Stürme und vor allem Borkenkäferbefall vernichtet worden. Schnitzler, ein selbstbewusster und überzeugter Vertreter der badenwürttembergischen Einheitsforstverwaltung, in der private, staatliche und körperschaftliche Wälder unter einem Dach betreut werden, sieht sich hier in der Pflicht. „Wir tragen nicht nur eine umfassende Verantwortung für den Wald im Landkreis und kümmern uns um die Erhaltung und Steigerung seiner Leistungsfähigkeit. Wir müssen auch Vorsorge dafür tragen, dass den Waldbesitzern und Verbrauchern auch noch in hundert Jahren ein Wald zur Verfügung steht, der Erträge abwirft und genutzt werden kann“, sagt er. Die Probleme lösen soll auch die Weißtanne, ein Baum, der früher fast überall im Kreisgebiet heimisch war und gegenwärtig auf dem Rückzug ist. „Sie kann die Fichte als Brotbaum ersetzen, sie ist resistenter, sicherer und risikoärmer“, weiß Schnitzler. Wo sie durchwachsen kann, gibt es ausreichend Licht im Wald und haben auch Laubbäume eine Chance zu wachsen. Der Weißtannentag am 6. November in Wangen solle dazu dienen, alle, die Einfluss auf den Wald haben, für die Weißtannenoffensive zu sensibilisieren. Heute gestartet, werde sie erst in 20 bis 30 Jahren erfolgreich sein, denn so lange benötige die Verjüngungsphase. Die Weißtanne solle da, wo sie bereits heimisch ist, wieder an Anteil gewinnen und dort, wo sie verschwunden ist, wieder eine Chance bekommen. Wo es einen Altweißtannenbestand gebe, setze die Forstverwaltung auf Naturverjüngung. Dort, wo es keine gebe, wolle man Weißtannen pflanzen oder sähen. Mischwald stärken „Wir wollen den Mischwald stärken“, betont Schnitzler. Dies sei eine Gemeinschaftsaufgabe aller an der Pflege des Waldes Beteiligten. Die Waldbesitzer müssten sich zum Mischwald bekennen, die Jäger bereit sein, den Wildbestand anzupassen und die Jagdgenossenschaften müssten bereit sein, in den Jagdpachtverträgen solche Ziele zu formulieren. Nur dann werde der Wald eine Chance haben, auch in 100 Jahren noch zu stehen und Ertrag abzuwerfen.